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Donnerstag, 22. Juni 2017

Performance: Timm Ulrichs




„Ich kann keine Kunst mehr sehen“ lautet der Titel eines der bekanntesten Werke des Performance-Künstlers Timm Ulrichs. Requisiten wie Blindenstock, Armbinde und Brille lassen den Betrachter automatisch einen Sehbehinderten assoziieren. Der Grundbaustein für Ulrichs Darstellung ist gelegt, aber den Kern seines Werks trägt der Blinde mit einem Schild um den Hals: „Ich kann keine Kunst mehr sehen.“ Diese Botschaft des Künstlers richtig zu deuten ist schwierig, weshalb es nur zu ambivalenten Interpretationen kommt. (Die Kunst, die ihm vermittelt wird, nicht mehr sehen oder erkennen können. Kunstwerke nicht als Kunst anzusehen. Von der Kunst gelangweilt.)


Die Kunst der Performance entstand in den sechziger und siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts und leitet sich vom Englischen „to perform“ (dt. darstellen) ab. Künstler malen kein Bild und lassen es ausstellen, sondern führen eine Art Schauspiel, allerdings ohne Rollen und Texte auf. In meist einmalig stattfindende Aufführungen - nur mit wenigen, einfachen Requisiten - vermittelt der Künstler eine Message an die anwesenden Zuschauer. Somit ist die Performance eine vergängliche Kunstart, sie existiert nur im Moment der Aufführung für die anwesenden Zuschauer und kann später höchstens in Form von Fotos oder Filmaufnahmen erlebt werden. Manchmal bleiben auch Objekte oder Installationen, die in der Performance eine Rolle gespielt haben, wie im nachfolgenden Beispiel.

„Der Findling“ ist ein weiteres bedeutendes Werk Timm Ulrichs. Hier besteht die Performance aus zwei Teilen. Die Vorarbeit wird durch einen in der Mitte geteilten Findling, der geöffnet platziert wird, geleistet. Darinnen befindet sich die Negativform eines liegenden Körpers, die exakt nach den Maßen des Künstlers ausgehoben worden ist. Nachdem sich der Künstler in die Vertiefung gelegt und ein Kran die obere Hälfte auf die untere des Steins positioniert hat, folgt die eigentliche Performance, in der der Körper, der Timm Ulrichs selbst ist, eine transformative Erfahrung erlebt. Der Künstler ist ca. 10 Stunden gefangen, während das Publikum wartend und schließlich staunend miterlebt, wie Ulrichs wieder aus dem Stein befreit wird.
Diese extreme Form der Performance erfordert physische und psychische Vorbereitung. Durch Meditation, Atemübungen und Kontrolle des Schmerzempfindens hat sich der Künstler auf Warnehmungsverluste, Abschottung und gesundheitliche Beeinträchtigungen vorbereitet. 
Die Gegenüberstellung von Leben und Tod, die Beschäftigung mit der Vergänglichkeit zieht sich wie ein roter Faden durch das Werk des Künstlers. In „Der Findling“ stellt der Stein Assoziationen zum Tod her, einem in Stein eingebetteten Fossil, einem Sarkophag als Form des Grabes, jedoch gleichzeitig auch zum Leben und der Geburt, da der Körper in Embryonalstellung im Stein liegt. 


Was bleibt nach der Performance? Der Findling ist noch heute an derselben Stelle in Nordhorn zu besichtigen. Jeder kann sich in die Vertiefung legen, oder sich zumindest vorstellen, wie es sein muss, in dem Stein eingeschlossen zu sein.

Kunst und Betrachter

Redet man von Kunst, denkt man meistens an etwas dass nur zum Anschauen und auf gar keinen fall zum Anfassen gedacht ist. Doch es gibt auch Künstler, die den Betrachter direkt mit ins Werk einbeziehen. Der Mensch muss sich mit dem Werk beschäftigen, eine vollständige Betrachtung ist meistens nur durch die Bewegung um das Werk herum möglich. 

Schon in der Renaissance, während der Epoche des Manierismus, wurde mit der Plastik "Raub der Sabinerinnen" mit der Mehransichtigkeit der Plastik gearbeitet. Bei der Figura Serpentina (verschlungene Figur) gab es keine Frontalansicht und der Betrachter musste sich bewegen um alles erkennen zu können. Es etablierte sich auch ein neuer Trend: Schöne Kunst zu manchmal hässlichen Themen, wie "Der Raub der Sabinerinnen" von Giambologna (1579). 

Auch bei Alberto Giacomettis "Schreitenden" gibt es mehrere Schauseiten, und je nach Blickwinkel überschneiden sich die Figuren und es ergibt sich die Illusion einer Bewegung. 

Allerdings gibt es auch Künstler wie Carl André, die Kunstwerke erschaffen, bei denen der Betrachter aufgefordert wird, wirklich über die Installation zu laufen. Seine Installation "144 Steel Plates" beschreibt genau seinen Aufbau, ein leerer Raum mit dunklen Stahlplatten in der Mitte. Durch das darüber laufen fühlt man sich einerseits, als würde man einen Tabubruch begehen, andererseits fühlt man sich nun als Teil des Kunstwerks.

Manche Künstler, wie Do-ho Suh, wollen die Menschen durch Mitmachen zum Nachdenken anregen, denn in seinem Kunstwerk "Floor" steckt auch eine politische Komponente. Der Glassockel der von winzigen Menschenfiguren getragen wird, von denen man zunächst nur die kleinen, wie Blüten aussehenden Handflächen wahrnimmt, könnte man als eine Metapher für unsere Gesellschaft sehen, in der die Priviligierten stark auf Kosten der Massen leben und in der persönliche Freiheiten aufgegeben werden müssen um eine starke Gesellschaft erhalten zu können. 

Eine weitere Kunstart welche von der Beteiligung des Publikum lebt, ist die Installation "Body Check" des österreichischern Performancekünstlers Wolfgang Flatz. Er verhängte den Durchgang einer Galerie mit einigen Reihen von Boxsäcken so eng, dass die Besucher die Säcke zur Seite schieben mussten um in den nächsten Raum zu kommen. Das Gewicht der Boxsäcke und der Druck durch andere Personen, die ebenfalls den Durchgang durchquerten, übte eine unerwartete Gewalt auf die Besucher aus. Es entstand ein Gefühl der Verunsicherung,  man stellt sich die Frage "Wie reagiere ich auf diese Gewalt? Wer steckt dahinter? Widerfährt sie mir absichtlich oder ist sie Zufall? Löst meine Bewegung ebenfalls Gewalt aus? Bin ich Opfer oder Täter?"

Donnerstag, 8. Juni 2017

Abstrakter Expressionismus: Jackson Pollock


Jackson Pollock (1912-1956) war ein amerikanischer Künstler und einer der wichtigsten Vertreter des Abstrakten Expressionismus. Beim Abstrakten Expressionismus geht es nicht um Perfektion, oder um Vernunft, sondern um Spontaneität und Ausdruck.

Action Painting
Er selbst erfand eine neue Art Kunst zu erschaffen, das sogenannte Action Painting, da für ihn das Malen durch das In-Bewegung-Sein entsteht. Beim Action Painting wird keine Acht darauf gegeben, wo die Farbe hinfließt, sie wird auf das Bild gespritzt, gegossen und geschleudert.
Der  Fertigungsprozess des Bildes ist auch gleichzeitig sein Thema.

Entstehungsweise:
Pollock erschuf seine Kunstwerke vor allem draußen, in der Natur, wo er und die riesigen Leinwände, auf denen seine Gemälde stets entstanden, genug Platz hatten. Der Künstler malte nicht wie gewöhnlich mit einem Pinsel, sondern ließ die Farbe über einen Stock auf das Bild fließen. Teilweise bohrte er auch Löcher in die Farbeimer und ließ die Farbe so auf das Bild tropfen. Diese Technik nennt man Dripping.
Die in mehreren Schichten entstandenen Linien überlagerten und überschnitten sich unzählige Male. Dadurch entstand der Eindruck der Dreidimensionalität und auch eine gewissen Bewegung auf seinen Bildern, die hauptsächlich aus Schwarz-, Weiß-, und verschiedenen Brauntönen bestehen und durch die unterschiedlichen räumlichen Tiefenwerte der Farben an Gespinste erinnern, die in das Bild hineinführen und teils sogar vor der Leinwand zu schweben scheinen. Alle Teile des Bildes wurden gleich ausgearbeitet, es gibt kein Zentrum und keine begrenzenden Randbereiche, Pollock nennt diese Art der Komposition das All-Over.
Die Leinwände blieben stets ohne Rahmen, so dass man sich das Liniengewebe auf Bild in jede Richtung über die Leinwand hinaus fortgesetzt vorstellen kann.


I want to express my feelings, not illustrate them.
"Ich möchte meine Gefühle lieber ausdrücken, als darstellen."

Für Jackson Pollock bedeutete ausdrücken nicht das Gleiche, wie darstellen. In einer Darstellung wird versucht, über den Umweg eines bestimmten Motivs, das der Betrachter wiedererkennen und ähnlich bewerten soll wie der Maler, eine bestimmte Emotion illustriert.
Bei der abstrakt-expressiven Malerei malt der Künstler, wie es ihm intuitiv richtig erscheint, und vor allem so, wie es sein momentanes Gefühl gerade am besten ausdrückt. Allgemein waren für Pollock seine Gefühle die Leitlinie für alle seiner Werke, er wollte bei jedem Betrachter seiner Bilder Gefühle auslösen, die aber komplett unterschiedlich sein konnten. Ein Rückschluss auf den Gemütszustand des Malers zum Zeitpunkt des Malens ist nicht möglich.

When I am in my painting, I'm not aware of what I'm doing.
Read more at: https://www.brainyquote.com/quotes/quotes/j/jacksonpol332818.html
 When I am in my painting, I´m not aware of what I´m doing.
When I am in my painting, I'm not aware of what I'm doing.
Read more at: https://www.brainyquote.com/quotes/quotes/j/jacksonpol332818.html
"Wenn ich in meinem Bild bin, bin ich mir nicht bewusst, was ich tue."

Autumn Rhythm

Nr. 32

Kompositionsanalyse: Raum-Volumen-Verhältnis



Raumabweisende Plastik - Kernform


Raumlineatur

Alberto Giacometti: Taumelnder Mann



In seinem Werk „Taumelnder Mann“ spiegelt Giacometti die Philosophie des Existenzialismus von Jean Paul Sartre, die Betrachtung des „Seins“ und „Nicht Seins“ und der materiellen Existenz, durch die Gestaltung des Volumens und der Masse der Figur und dem sie umgebenden Raum wider. 

Während die Figur des Mannes das „Sein“ symbolisiert, stellt alles um die Figur herum, der leere Raum, das „ Nicht Sein“ dar, was auch als bedrohlich assoziiert wird. Dies wird an der taumelnden Bewegung des Mannes , der zu fallen droht, deutlich. Die Plinthe, deren relativ hohe und massive Ausführung auffällt, könnte die Verbundenheit und Abhängigkeit der menschlichen Existenz von der Materie aufzeigen.

In dem Kunstwerk findet eine dynamische Bewegung in Richtung des Armes statt (Raumweisende Gestaltung). 

Auch der geringe Kontakt der Figur zur Plinthe, trotz der dicken Füße, unterstreicht den Bewegungsvorgang des Fallens. Doch dass der Mann letztendlich fallen wird  verrät der Schwerpunkt der Figur, der nicht über den Füßen liegt, wie es sein müsste, um das Gleichgewicht zu halten, sondern deutlich über die Plinthe hinausragt, während die Beine nicht reagieren. 

Was auf den ersten Blick auf dieses Kunstwerk außerdem  als auffällig erscheint, sind die unnatürlichen Proportionen  des Mannes. Nur die Füße, das Becken, die Schultern und die Brust besitzen etwas mehr Masse, der restliche Körper bleibt drahtähnlich dünn und wirkt geradezu zerbrechlich. Die Oberfläche ist überall stark zerklüftet, so dass selbst an den massereicheren Stellen kein echtes Volumen entsteht. 
Das Verhältnis von Volumen zu Raum hat sich extrem zu Gunsten des Raumes verschoben, man spricht auch von einer Raumlineatur.

Mittwoch, 7. Juni 2017

Volumen und Raum in der Plastik I



Körper können in der Kunst viele verschiedene Formen haben. Betrachtet wird dabei immer das Volumen, also der definierte Raum bzw. die Form  und der Raum, der allerdings schwierig zu definieren ist, da er nicht von einer Form belegt ist. Analysiert wird dann das Verhältnis von Volumen und Raum.
Ein Beispiel für einen Körper ist der Würfelhocker aus Granit, der den ägyptischen Priester Petamenophis darstellt, aus dem Jahr 680 v.Chr. Der Würfelhocker ist durch seine Kernform sehr kompakt, man stellt sich aber hier die Frage „Warum ist er viereckig?“ Es fällt auf, dass nur ein einziges Körperteil von Petamenophis dreidimensional dargestellt wird und zwar sein Kopf bzw. sein Gesicht. Das Gesicht macht den Würfelhocker einzigartig, genau wie bei einem lebendigen Menschen, denn an einem Körper ist es schwierig jemanden zu identifizieren, aber ein Gesicht, ist eindeutig. Bei der Darstellung des restlichen Körpers fehlt diese Dreidimensionalität, denn es fehlen viele Zwischenräume, zum Beispiel zwischen den Beinen, und die Extremitäten werden nur reliefartig angedeutet, dadurch sind sie nicht wirklich dreidimensional. Es sieht aus als ob Petamenophis ein Tuch eng um sich liegen hat. Am Rücken sowie am Boden sind zwei Platten mit denen er fest verbunden ist. Die Bodenplatte stellt hierbei die Basis da, man nennt sie auch Sockel oder Plinthe. Auf ihr  sind Schriftzeichen und Figürchen abgebildet, die man auch auf seinen Beinen und der Rückseite finden kann.
Warum Würfelhocker überhaupt gefertigt wurden lässt sich durch die Religion erklären. Der Körper hatte im alten Ägypten eine wichtige Rolle zum Weiterleben nach dem Tod. Die Figur wurde anstelle eines balsamierten Körpers angefertigt, da sie um einiges günstiger war. In ihr wurde die Seele identifiziert. Der Name wurde mit Hieroglyphen auf den Sockel geschrieben. Der Körper wurde nicht individuell dargestellt, daher auch nur die reliefartige Darstellung, der Kopf aber ist ein echtes Portrait. Auch die Wahl Des Materials hat eine tiefergehende Bedeutung. Granit ist für seine Härte bekannt und dadurch soll das Abbild für die Ewigkeit halten. Auch die Pose trägt zur Erhaltung der Figur bei. Denn sie bietet durch die statische  Darstellung sehr wenig Angriffsfläche und ist daher sehr stabil.


Sonntag, 12. Februar 2017

„Kichkas Frühstück“


Künstler: Daniel Spoerri
Der Schweitzer Daniel Spoerri wurde am 27.05.1930 in Galati, heutigem Rumänien, geboren. Er ist ein bekannter Künstler, war auch Tänzer und Regisseur und einer der bedeutendsten Vertreter der Objektkunst. 1960 wurde er zum Mitbegründer der „Nouveau Realissme“, übersetzt „der neue Realismus“. Die Künstler der Nouveau Realisme versuchten dem Betrachter ein leichter verständliches Bild von sich bzw. ihrer Idee zu geben. 1968 gründete er in Düsseldorf das „Restaurant Spoerri“ und die dazugehörende „Eat Art Galerie“, womit er zum Begründer der Eat Art Gattung wurde. Von 1978-1982 war er als Professor in Köln tätig. Die nächsten sieben Jahre unterrichtete er an der „Akademie de bildenden Künste“ in München. Zu diesem Zeitpunktschrieb er mehrere Kochbücher, welche jedoch mehr künstlerischen als praktischen Wert besaßen. Im Jahr 1997 eröffnete Daniel Spoerri in der Toskana einen Künstlergarten, in dem über hundert Installationen von ihm und seinen Freunden ausgestellt sind, ein Gutteil davon Werke in Bronze.
Seit 2007 lebt der Schweizer Künstler in Wien.
Daniel Spoerri wurde vor allem durch seine „Fallenbilder“ und der „Eat-Art“ bekannt. Fallenbilder, auf französisch „Tableau Piège“ sind.
Daniel Spoerri gab folgende Definition: „Gegenstände, die in zufälligen, ordentlichen oder unordentlichen Situationen gefunden werden, werden in genau der Situation, in der sie gefunden werden, auf ihrer zufälligen Unterlage (Tisch, Schachtel, Schublade usw.) befestigt. (..) indem das Resultat zum Bild erklärt wird, wird Horizontales vertikal. Beispiel: Die Reste einer Mahlzeit werden auf dem Tisch befestigt und mit dem Tisch an der Wand aufgehängt.“
Es wird somit ein Teil des Alltags eingefangen und fixiert, wie in einer Falle.
Die Fallenbilder sind eine bestimmte Art der Assemblagen.
Die Eat-Art beschreibt die Kunst rund ums Essen und was dazugehört. Zentrale Themen von Daniel Spoerri sind dabei zum Beispiel der Geschmacksinn des Menschen und das Hinterfragen von Essgewohnheiten. Denn der geborene Rumäne sieht Essen und Kochen ale einen Teil des Lebenszyklus.
„Kichkas Früstück“ wurde 1960 von Daniel Spoerri entworfen und ist eines seiner bekanntesten Werke. Die Assemblage ist eines der berühmtesten Fallenbilder und wurde von MoMA aufgekauft.
Das Bild zeigt einen schwarzen, alt wirkenden hölzernen Stuhl, auf dem ein von orangefarbenen Papier überzogenes Brett geklebt ist. Diese Kombination soll einen selbst konstruierten Frühstückstisch darstellen. Darauf steht ein eher ungewöhnlicher Aschenbecher mit Asche und alten Zigarettenkippen, zwei weiße Schüsseln mit Essensrückständen und eine Kaffeekanne aus Metall. Außerdem kann man ein Trinkglas, zwei Eierbecher, eine Salzdose, zwei weitere Dosen und zwei Löffel sehen. An fast allen Gegenständen sind Essensreste, die durch Konservierungsstoffe haltbar gemacht wurden. Alles ist am Tisch festgeklebt, der an der Wand hängt bzw. „steht“.
Die Anzahl der Schüsseln liegt nahe, dass zwei Personen hier ein dürftiges Frühstück zu sich genommen haben. Offenbar waren sie nicht wohlhabend, was die Brett-Stuhl-Kombination anstelle eines Tisches andeutet. Dennoch saßen sie wohl länger zusammen, was die Zigarettenkippenanzahl vermuten lässt.
Vielleicht gab es eine Unterbrechung ihrer gemeinsamen Mahlzeit; weshalb sie alles stehen und liegen ließen. Der Künstler wollte sich wohl an einen ruhigen Moment erinnern.
Es bleibt die Frage offen: Wer ist Kichka? Daniel Spoerri nannte sein Fallenbild „Kichkas Frühstück“, aber er erklärte nicht warum.
War Kichka ein Teilnehmer/in des Frühstücks? Ist das Werk ihm/ihr gewidmet? Und wenn ja, weil er/sie Daniel Spoerri etwas bedeutete? Oder weil es seine Grundidee war?
Vielleicht soll Kichka gar keine Person darstellen, sondern dem Künstler gefiel der Name?
Jedenfalls wollte Daniel Spoerri ein eher typisches Künstlerfrühstück darstellen, was auch dem Bohemien-Stil widerspiegelt, die ein wildes regelloses Künstlerleben führten.
Und dennoch kann man sein Werk auch als Echo des „Vanitas-Stillebens“ sehen, da die Reste der Mahlzeit Vergänglichkeit zeigen: Der Tisch ist verlassen, die Behältnisse geleert. Zudem ist auf Bilder von Vanitas-Stilleben häufig Essen und Zugehöriges zu sehen. Das größte Ziel von Daniel Spoerri war aber sicher, dem Betrachter die Möglichkeit zu geben, sich in sein Werk hinein zu versetzen und den Moment nachzuerleben.

Sonntag, 8. Januar 2017

Zur Schulaufgabe

Zusätzlich den neuen Protokollen für Q11 2016/17 schaut ihr euch bitte noch den Eintrag zu Personnes von Christian Boltanski aus dem letztjährigen Kurs an. Falls ihr noch mehr Informationen zu Picassos Stillleben mit Rohrstuhlgeflecht braucht, könnt ihr hier ein entsprechendes Protokoll finden. 
Wenn´s noch Fragen gibt, entweder hier in den Kommentaren oder e-mailen!
- Frau König

Abstraktionsebenen


Donnerstag, 5. Januar 2017

Andy Warhol – Siebdruck – PopArt


Andy Warhol (1928 – 1987) war ein US-amerikanischer Werbegrafiker und einer der bekanntesten Vertreter der Pop Art, einer Kunstrichtung, die als Reaktion auf die elitären Ansprüche der Abstrakten Kunst der Nachkriegszeit, sich wieder mehr mit dem Realismus auseinandersetzte.

Philosophie
 - Berühmt/berüchtigt wurde Andy Warhol in den 1960er Jahren durch Bilder, wie zum Beispiel „Campbell's Soup Cans“ (1962) oder „Marilyn Monroe“ (1967). In seinen Bildern werden Dinge dargestellt, die jeder sofort erkennt, wie z.B. Filmstars oder Markenartikel aus den Supermärkten. Die abgebildeten Berühmtheiten und Dinge hatten eine Gemeinsamkeit: er sah sie allesamt als Ware, Konsumartikel, Dinge, mit denen man Geld machen konnte. Auch die Kunstwerke selbst sah er in erster Linie als Ware, ganz im Gegensatz zu der seit Jahrhunderten vorherrschenden Meinung, dass (wahre) Kunst über den Kommerz erhaben sei. 
Der Erwartung des Publikums, einen tieferen Sinn in einem Kunstwerk finden zu können setzt Warhol entgegen:

«Ich bin ein zutiefst oberflächlicher Mensch.»

Berühmt werden, viel Geld verdienen, Glück durch Konsum - das scheinen die Ideale des modernen Menschen zu sein, und sie werden in Warhols Kunst lediglich bestätigt. Ob man sie gut oder schlecht findet überlässt der Künstler dem Urteil jedes Einzelnen.

«In der Zukunft wird jeder für 15 Minuten weltberühmt sein.»

Auch bei der Herstellung der Bilder richtet sich Warhol gegen die Erwartungen des kunstverständigen Publikums:

Technik
 - Sein Markenzeichen war der Siebdruck, ein Vervielfältigungsverfahren, das bisher eher in der Werbung benutzt wurde, weil es maschinell mit großer Geschwindigkeit hohe Auflagen (Stückzahlen) in gleichbleibender Qualität möglich machte. Das lief der Idee zuwider, dass der Wert eines Kunstwerk von seiner Einmaligkeit oder zumindest seiner niedrigen Stückzahl (bei Drucken) abhängig sei. 

Die Vorstellung, dass ein Kunstwerk "handgemacht" sein muss, wird auch nur bedingt erfüllt. Zwar werden Warhols Siebdrucke oft in Handarbeit hergestellt, aber nicht unbedingt vom Künstler selbst, sondern von seinen Mitarbeitern in seiner Factory. (Diese Art von Arbeitsteilung war zwar schon seit dem Mittelalter gängige Praxis in den Ateliers, aber das wissen halt nur die Wenigsten.)  ;)
Warhol betont geradezu, dass er seine Bilder nicht selbst macht.

Virtuosität
 - Der Siebdruck ermöglicht auch das Drucken von Fotografien. Warhol benutzt meistens in hartes Schwarz/Weiss umgewandelte Fotos als Basis für seine Siebdrucke. Häufig sind diese Fotos nicht einmal von ihm selbst gemacht worden. Sein berühmtes Marilyn Bild basiert auf einem Pressefoto, die Vorlage für seine Elvis Serie ist ein Werbefoto für einen Kinofilm.

Somit wird auch der Forderung eines besonderen Talentes oder Könnens (Virtuosität) und der tatsächlichen Urheberschaft des Künstlers als Voraussetzung für die Betrachtung eines Werkes als Kunstwerk eine Absage erteilt. 

«Ich fände es groß­artig, wenn mehr Leute mit Siebdruck arbeiten würden so dass keiner mehr wüsste, ob mein Bild wirklich mei­nes oder das eines anderen wäre.»





Ganz im Sinne Andy Warhols: Macht euch euren eigenen Warhol!

Sonntag, 18. Dezember 2016

Marcel Duchamp und die Objektkunst

Früher erwartete man von Kunstwerken Malerei oder andere künstlerische Schöpfungen. Diese Vorstellung wandelte sich jedoch mit der Entstehung der Objektkunst

Der Dadaist und Surrealist Marcel Duchamp (1887-1968) wandte sich 1913 von der Malerei ab und widmete sich der Objektkunst.

  •   Die Objektkunst verfolgt die Absicht, den Betrachter über das Offensichtliche hinaus zum genaueren und unvoreingenommenen Hinsehen zu verleiten und seine eingefahrenen Ansichten und Wertungen zu vergessen. Objektkünstler wollen erreichen, dass Beobachter zu einer neue Weise der Betrachtung gelangen und dass sie ihre Augen öffnen. 
  •   Die umstrittene Frage nach der künstlerischen Leistung in der Objektkunst beantworten Befürworter dieses Genres mit dem kreativen Akt der Suche, Auswahl und Präsentation. 
  •   Das Objekt wird seiner normalen Umgebung entrissen und beispielsweise in einer Galerie ausgestellt, was zu einer veränderten Perspektive und dadurch zu einer neuen Wirkung auf den Betrachter führt. Dieser Vorgang zählt ebenfalls zum künstlerischen Akt. 
  •   Die Signierung des Gegenstandes vervollständigt die künstlerische Arbeit und stellt somit eine eindeutige Verbindung zwischen Künstler und Gegenstand dar. 
  •  Oft steht die Verwandlung von alltäglichen und unedlen Gegenständen zu künstlerischen im Fokus der Objektkunst. 

Eines der bekanntesten „ready mades“ von Duchamp ist der sogenannte „Flaschentrockner“. Der Begriff „ready mades“ bedeutet, dass ein bestehender, industriell hergestellter Alltagsgegenstand zum Kunstwerk erklärt wird. Bei seinem Werk „bottle dryer“ wurde ein Gestell verwendet, welches früher ein wichtiger Haushaltsgegenstand war. Es ist ein ca. 60cm hohes Metallgebilde mit Haken, auf die die Flaschen zum Trocknen gesteckt werden. Der Flaschentrockner war damals sehr häufig in Haushalten vorzufinden, da es keine andere Möglichkeit gab, enghalsige Gefäße rückstandsfrei zu trocknen. 
Als Marcel Duchamp 1914 das Kunstwerk veröffentlichte, reagierten die Betrachter größtenteils mit Unverständnis. Diese konservative Reaktion auf Neues ist auch heutzutage noch oft zu beobachten. 
Beim ersten Anblick des „bottle dryer“ erinnert die Form an eine Vase, einen Lampenschirm oder auch an einen Schmuckständer. Durch die spitzen Haken werden Gedanken wie Vorsicht, Verletzungsrisiko und Abstand halten hervorgerufen. 
Ohne die Haken erinnert der Flaschentrockner an ein Korsett aus dem 19. Jahrhundert, womit Erotik, Sexualität und Weiblichkeit assoziiert werden. 

Die „Fontaine“ ist ebenfalls Duchamps bekanntesten Werken zuzuordnen. Ein handelsübliches Urinal aus Sanitärkeramik der Firma J. L. Mott Iron Works wird um 90 Grad gedreht und damit liegend präsentiert. Ebenso wie bei „bottle dryer“ ist durch die Form des Objekts, in dem manche eine Ähnlichkeit mit einer Gebärmutter erkennen wollen, ein Geschlechterbezug und somit ein erotischer Aspekt vorhanden. 
Mit dem Gegenstand „Pissoir“ verbindet man Urin, Gestank und Ekel. Im Gegensatz dazu stellt Duchamp durch die Bezeichnung „Fontaine“, was auf deutsch „Springbrunnen“ bedeutet, eine Verbindung zu Reinheit, Ästhetik und klarem Wasser dar. 
Die Löcher, die als Abfluss dienen, lassen durch ihre Anordnung ein geheimnisvolles, sogar religiös wirkendes Ornament assoziieren. 
Bei der Signierung mit einem Pseudonym erreicht Duchamp durch die Onomatopoesie (Lautmalerei) „R. Mutt“ (amerikanisch = Straßenköter) die beabsichtigte Provokation.




„Fountain“:


„bottle dryer“:



Kubismus




Ziele der Kubistischen Darstellung:


- Abkehr von der traditionellen Fluchtpunktperspektive, stattdessen:
- Dinge gleichzeitig (simultan) aus unterschiedlichen Perspektiven zeigen

Warum?

- Erkenntnis: Die Vorstellung von Gegenständen entsteht nicht durch ein einziges Bild aus einem einzigen Blickwinkel (vgl. Kamerabild), sondern wird im Gehirn durch Erfahrung/Bewegung im Raum drei Dimensionen zusammengesetzt


David Hockney: „The Desk“, 1. Juli 1984

Fotocollage: Viele einzelne Fotos eines Schreibtisches aus verschiedenen Blickwinkeln wurden zu einem Bild zusammengesetzt

- Der Schreibtisch kann aus allen Perspektiven gleichzeitig betrachtet werden

- Das Bild auf dem Schreibtisch ist die kubistische Zerlegung einer kubistischen Zerlegung (Abbildung eines Picsso Gemäldes)

Link: http://www.leninimports.com/david_hockney_gallery_2.jpg 

Georges Braque: „Krug und Violine“ 

(Braque war Zeitgenosse Picassos und Mitentwickler des Kubismus)

 erkennbar ist hier die typisch kubistische Technik:

Der Raum/Hintergrund:

- ein Tisch in einem Raum mit Pfeilern und einer waagrecht verlaufenden Wandleiste
- auch der "leere" Raum ist kubistisch zersplittert

- ganz oben: ein "normal" dreidimensional und illusionistisch gemalter Nagel mit Schlagschatten
- er scheint das Bild zu halten

Die Violine:
- warmes Braun
- geschwungene, aber nicht durchgehende Umrisslinien
- die Schnecke ist von oben sichtbar, die Stimmwirbel jedoch von vorne
- die Schalllöcher bleiben ganz, auch wenn der Rest „zerbrochen“ aussieht


Der Krug:
- von der Seite sichtbar, trotzdem kann man von oben hineinschauen

Das Bild erinnert an einen zerbrochenen Spiegel oder ein zerknittertes Foto


Link: http://www.unterricht.kunstbrowser.de/images/braquegeigeundkrug1910originalgro.jpg